Diskografie
Ladies first! -
Komponistinnen gestern & heute

Ars Produktion
ARS 38 089
EAN 4260052380895
Aufnahme: 29.3.–1.4.2010
Release: 01.01.2011
Dauer: 72:00
Anna Amalia von Preussen (1723 – 1787)
Sonate
- Adagio
- Allegretto
- Allegro ma non troppo
Silvia Sommer (*1944)
Sonatine für Flöte und Klavier (1968)
- Lebhaft
- Ruhig und ausdrucksvoll
- Sehr schnell
Caroline Charrière (*1960)
Petite Suite pour flûte et piano
- Contrastes
- Vocalise
- Suspense
Shanna Metallidi (*1936)
Concertino
- Andante – Più mosso – Cadenza
Marguerite Roesgen-Champion (1894 – 1976)
Sonate pour flûte et piano
- Large, sans lenteur – Moderato
- Adagio
- Rondo final
Jeanine Rueff (1922 – 1999)
- Diptyque pour flûte et piano
Denise Roger (*1924)
- Ninna-Nanna pour flûte et piano
Sofia Gubaidulina (*1931)
- Allegro rustico
Anna Bon (1740? – ?)
Sonate in D-Dur
- Allegro moderato
- Andante
- Allegro assai
Ana Ioana Oltean, Flöte
Simon Bucher, Klavier
Rezensionen
Präsentation des Unbekannten
Ana Oltean und Simon Bucher wagen sich auf unbekannte Wege der Flötenmusik. Sie stellen unverbrauchte Werke unterschiedlicher Komponistinnen mit klarem, reinem und attraktivem Klang vor.
Neun Komponistinnen aus verschiedenen Epochen, neun relativ unbekannte Namen, neun Flötenwerke mit Klavierbegleitung – so kann das einzigartige Programm der Einspielung ‚Ladies First. Komponistinnen gestern und heute‘ des Duos Ana Ioana Oltean (Flöte) und Simon Bucher (Klavier) beschrieben werden. Es ist dies eine Repertoirezusammenstellung, die vor dem Hintergrund, dass die beiden Interpreten eigenen Angaben zufolge seit längerer Zeit die unbekannten Werke von Komponistinnen aus der Versenkung holen möchten, als typisch bezeichnet werden kann. Oltean möchte keine weiteren Einspielungen von Flötenkompositionen vornehmen, die ihrer Meinung nach den Markt schon überfluten, sondern das Besondere, Vergessene und Neue entdecken und vorstellen. In dieser Aufnahme fiel die Wahl dabei unter anderem auf die Komponistinnen Marguerite Roesgen-Champion (1894–1976), Jeanine Rueff (1922–1999), Denise Roger (1924–2005), Sofia Gubaidulina (*1931), Shanna Metallidi (*1934), Silvia Sommer (*1944) und Caroline Charrière (*1960). Die Aufnahme des Labels Ars Production Schumacher aus der Immanuelskirche in Wuppertal ist von einem klaren und reinen Klang geprägt, der die Nuancen der Interpretationen wirkungsvoll wiedergibt.
Im Konzept der Aufnahme werden die zahlreichen Kompositionen des 20. Jahrhunderts von zwei klassischen Sonaten des 18. Jahrhunderts umrahmt. Oltean und Bucher nutzen die dreisätzigen Sonaten von Anna Amalia von Preußen und Anna Bon di Venezia, um die Vielseitigkeit von Klarheit und Einfachheit zu präsentieren. Dynamische Feinheiten werden herausgearbeitet, die Artikulation ist deutlich an musikalische Charaktere angepasst, die Läufe sind gleichmäßig, die Verzierungen einheitlich, die Atempausen unterbrechen den Strom nicht, und es herrscht eine Ausgewogenheit von Führung und Begleitung. Das Duo beweist, dass Werke dieser Zeit auch mit moderner Flöte und Piano überzeugend interpretiert werden können.
Variationen von reinem Klang
Zu den Glanzstücken der Aufnahme gehört eindeutig die Sonate für Flöte und Klavier von Sommer (*1944), in der Oltean und Bucher zum einen ihrer gebündelten Energie freien Lauf lassen können und dennoch – zum anderem – im langsamen Mittelsatz 'Ruhig und ausdrucksvoll' mit Ausdrucksstärke die langgezogenen Melodie- und Harmoniebögen phrasieren. Buchners flexibler Anschlag im ersten Satz 'Lebhaft' und dem dritten Satz 'Sehr schnell' – in den Läufen fließend, in der tiefen Lage schwer und kraftvoll, in der hohen Lage aber sanft, klar und brillierend – bieten den perfekten Grund für Olteans Spiel. Scheinbar mühelos bewältigt die Flötistin die schwierigsten Läufe mit sehr variantenreicher Artikulation, ohne dabei etwas von ihrem vollen Klang einzubüßen. Bemerkenswert ist die Klarheit und Natürlichkeit, mit der das Duo seine Interpretation der Sätze bewältigt.
In Gubaidulinas 'Allegro rustico' zeigt sich die besondere Qualität des Zusammenspiels des Duos. Bucher schlägt die durchgängigen Akkorde nicht monoton an, sondern baut einen effektvollen Spannungsbogen auf, den er in seinen wenigen solistischen Takten fast bis zur Grenze führt, aber dennoch Spielraum für den Höhepunkt in der Mitte des Stückes freihält, in der er wirkungsvoll die Flatterzuge Olteans stützt oder ihren Läufen in der höchsten Lage zusätzliche Energie verleiht. Da sie derart getragen wird, kann sie die meist mehrfach wiederholten Motive von Piano bis zum Forte variieren. Oltean wird ihrerseits trotz dieser Führung in der Interpretation aufgrund der austarierten Ensemblegewichtung stellenweise zur Begleiterin des Klaviers, so dass die herkömmlichen Parts von Melodie und Begleitung verschmelzen und sich neu zusammensetzen.
Eine andere Art des Zusammenspiels wird von Oltean und Bucher in Rueffs 'Diptyque pour flûte et piano' gefordert. Zwei kontrapunktische Stimmen, die oft nur Töne oder Akkorde, plötzlich aber die virtuosesten Passagen spielen müssen, begegnen sich am Anfang dieses Stück. Erneut überzeugen beide Instrumentalisten, die selbst in dieser geteilten Form zu einer Einheit werden. Die Ruhe und Gelassenheit der anderen Stücke der Einspielung ist vergessen, und somit kann das Duo eine andere Facette seines Könnens präsentieren. Eines bleibt aber auch in diesem Stück erhalten: Die Klarheit in der klanglichen Ausformung wird auch in den wildesten, rhythmisch lebhaftesten und lautesten Abschnitten beibehalten.
Kritik von Benjamin Scholten, Redaktion Klassik.com, 18.04.2011
Weit gespannter Bogen
Unter den vielen Anthologien mit Kammermusik von Komponistinnen fehlte eine wesentliche noch, diejenige mit Werken für Flöte und Klavier. Die in Rumänien geborene, in der Schweiz lebende Flötistin Ana Ioana Oltean und der Schweizer Pianist Simon Bucher füllen diese Lücke mit unterschiedlich bekannten Stücken aus dem 18. und 20.Jahrhundert. Sie spannen den weiten Bogen von Anna Amalia von Preussen und Anna Bon (geboren um 1740) bis zu Caroline Charrière (Jahrgang 1960). Das Fehlen von Kompositionen aus dem 19. Jahrhundert machen die offenbar entdeckungsfreudigen Interpreten mit vorwiegend neoklassizistischen Stücken wett.
Dem einsätzigen, mit Prokofjew-Reminiszenzen gesättigten Concertino der Russin Shanna Metallidi stellen sie ein weitaus persönlicheres Werk der Genfer Komponistin und Cembalistin Marguerite Roesgen-Champion (1894–1976) gegenüber, die 1950 veröffentlichte Sonate pour Flûte et Clavier (Piano ou Clavecin). Arpeggierte, clusterartige Akkorde stimmen in eine wunderbar transparente Musik ein, die zwischen leichtfüssiger Eleganz und zurückhaltender Expressivität balanciert. Die schon im musikantischen Kopfsatz in schnellen Wiederholungen von der Flötistin geforderte Agilität korrespondiert mit den toccatenartigen Terzen- und Quintenrepetionen des subtil mitgestaltenden Pianisten. Den spielerischen und lyrischen Eigenschaften der von Ernest Bloch in Genf ausgebildeten Komponistin werden Ana Ioana Oltean und Simon Bucher ebenso überzeugend gerecht wie den virtuosen Seiten von Jeanine Rueffs Diptyque oder dem französisch klingenden Spielwitz der Sonatine von Silvia Sommer aus Wien. Temperamentvoll interpretiert, erweist sich das energiegeladene, rhythmisch fesselnde Allegro rustico von Sofia Gubaidulina einmal mehr als dankbares Bravourstück von starker Eigenart.
Walter Labhart, SMZ Schweizer Musikzeitung Nr. 9 / September 2011 (Schweizer CDs)
Hugo Wolf und der Wiener Jugendstil

Ars Produktion
ARS 38 475
EAN 4260052384756
Aufnahme: 8.-11.7.2006
Release: 01.04.2009
Dauer: 61:18
Alban Berg (1885-1935)
Jugendlieder
- Spielleute (L. Passarge nach H. Ibsen) – 1902
- Augenblicke (R. Hamerling) – 1904
- Sehnsucht III (P. Hohenberg) – 1902
- Schlummerlose Nächte (M. Greif) – 1903
- Grenzen der Menschheit (J. W. von Goethe) – 1902
Arnold Schönberg (1874-1951)
- Gruss in die Ferne (H. Lingg) o.Op. – 1900
- Warnung (R. Dehmel) op.3,3 – 1899
- Wenn sich bei heilger Ruh (S. George) op.15/12 – 1908
- Am Strande (anonym) – 1909
- Der verlorene Haufen (V. Klemperer) op.12/2 – 1907
Franz Schreker (1878-1934)
- Sommerfäden (D. Leen) op.2/1 – 1901
- Überwunden (anonym) o.Op. – 1897
- Das feurige Männlein (A. Petzold) o.Op. – 1915
- Spuk (D. Leen) op. 7/4 – 1900
- Ballade "Die glühende Krone" (*) (F. Schreker)
aus der Oper "Der ferne Klang" (1901-10)
in der Klavierfassung von Alban Berg (1907)
(*) Weltersteinspielung in der Klavierfassung von Alban Berg
Hugo Wolf (1860-1903)
Sechs Lieder nach Eduard Mörike
- Lied eines Verliebten – 14. März 1888
- Im Frühling – 8. Mai 1888
- Storchenbotschaft – 27. März 1888
- Bei einer Trauung – 1. März 1888
- Zur Warnung – 25. Februar 1888
- Abschied – 8. März 1888
Dominik Wörner, Bassbariton
Simon Bucher, Klavier
Rezensionen
Der Aufbruch der "Jugend"
Ausgerechnet Hugo Wolf äußerte um die Jahrhundertwende, das Ausmaß an Liedern und Liederabenden sei „in neuester Zeit geradezu epidemisch geworden“; insofern entbehrt es nicht jeder Ironie, ihn auf dieser CD mit dem Liedschaffen des „Wiener Jugendstils“ zu konfrontieren. Neben wirtschaftlichen und infrastrukturellen Gründen hatte die Übermacht des Lieds im Wien um 1900 einen anderen Grund – das allmähliche Ausreizen der Dur-Moll-Tonalität machte einen Text als Form stiftendes Element für die musikalische Gestaltung elementar wichtig. Die Komponisten der Wiener Schule etablierten eine Art der Liedkomposition, die in ihrer formalen Ausgerichtetheit auf das textliche Element eine neue Radikalität erlebte. In mancherlei Hinsicht war die Textvertonung Schönbergs und seiner Schüler hierbei an Hugo Wolf geschult – jenem Koloss der Liedkomposition, von dem man sagt, er konnte Tage damit verbringen, die metrische Struktur eines Gedichtes in den passenden Vortragsrhythmus zu übertragen.
Es ist eine große Leistung des Bassbaritons Dominik Wörner, eine kleine Auswahl des Liedreichtums um 1900 auf dieser CD zu präsentieren; er tut dies mit einer unglaublichen affektiven Dringlichkeit, einer beeindruckenden, wohlklingenden Stimme und präziser Artikulation.
Dabei steht man dieser Aufnahme anfangs nicht ganz ohne Misstrauen gegenüber: Ein ansehnliches, aber etwas schwülstiges Cover, bedruckt mit dem plakativen Titel „Hugo Wolf und der Jugendstil“. Was – die Frage muss erlaubt sein – ist das, musikalischer Jugendstil? Eine Antwort auf diese Frage bietet der Begleittext zwar nicht, die CD verschont einen dafür aber auch von der befürchteten Kitsch-Interpretation. Im Gegenteil: Die Aufnahme legt den Blick auf völlig rechtschaffene Weise frei auf das Moment der „Jugend“. Hochexpressiv singt sich Dominik Wörner durch die Lieder Schönbergs, Bergs, Schrekers und eben Wolfs; er wird hierbei von Simon Buchers spannungsgeladenen und straffen Klavierspiel großartig in Szene gesetzt. Die beiden Musiker bewegen sich auf einer beeindruckenden Intensitätsebene, die großen Eruptionen werden aber meist unterdrückt. Während die Interpretation durch diese geschmackvolle Beschränkung sehr viel an Substanz gewinnt, evozieren Wörner und Bucher gleichsam das Bild einer fiebrigen Zeit, in der elementare musikalische Umwälzungen direkt vor der Tür stehen.
Die anfängliche Skepsis weicht so einer immer stärker werdenden Begeisterung für die Qualitäten der jungen Musiker. Die Einspielung entpuppt sich als eine der viel zu seltenen Exemplare, die – nicht zuletzt aufgrund des einnehmenden Klangs – dazu einladen, sie unmittelbar wieder anzuhören.
Kritik von Martin Andris, Redaktion Klassik.com, 18.07.2009
Arthur Dangel - vol XI: Liederzyklen

Ars Produktion
ARS 38 473
EAN 4260052384732
Aufnahme: 06.-07.07. und
13.-16.11.2006
Release: 05.01.2008
Dauer: 63:33
Arthur Dangel (*1931)
Liederzyklen op. 87, 99, 101
Rose-Ausländer-Zyklus op. 99 (2004/05)
- Dennoch Rosen
- Wir träumen Schlaraffenland
- Die Finsternis wächst
- Im Leuchtfeuer
- Hereingefallen sind wir
- Keine Gedichte
- Aufatmen
- Ich bin Kain
- Nichts tröstet
- Ich lausche
- Ich eine kleine Blume
- Morgens eine Nachtigall
- Im Sommer
- Jenen verlorenen Zeiten
- Ich sammle meine Verluste
- Aus der Sonne
- Ich danke
- Das Weiß einer Säule
- Ich bin schon lange verschollen
- Die Tage des Schweigens
- Ich war ein Vogel
Heine-Zyklus (Zur Ollea) op. 101 (2005)
- Maultiertum
- Symbolik des Unsinns
- Hoffart
- Wandere ! (Guter Rat)
- Winter
- Altes Kaminstück
- Sehnsüchtelei
- Helena
- Kluge Sterne
- Die Engel
Turrini-Zyklus op. 87 (2000)
- Im Namen der Liebe
- Am Ende des Horizontes
- Ein Blick auf dich
- Im Kaffeehaus
- Wenn du mich anrufst
- Wie oft
- Am Ende des Liebens
- Der Spur deines Mundes
- Wir werden der Nacht
- Ich habe das Gefühl
- In dieser Liebe
- Wenn du gehst
- Wenn ich dich anrufe
- Ich habe
- Reich mir die Hand mein Leben
- Ich sehe einen Film
- Die Sehnsucht
- Heute nacht
- Ich möchte
- Eine Schallplatte hängt
Dominik Wörner, Bassbariton
Simon Bucher, Klavier (1-31)
Felicitas Strack, Klavier (32-51)
Rezensionen
Durchdacht
Obwohl das Kunstlied im zwanzigsten Jahrhundert des Öfteren totgesagt worden ist, haben Komponisten bis heute versucht, ihm frisches Leben einzuhauchen. Nach Beiträgen von Hanns 1957 wurde Dangel in Freiburg Schüler von Wolfgang Fortner.
Drei neue Zyklen Dangels für Bassbariton und Klavier nach Gedichten von Peter Turrini, Rose Ausländer und Heinrich Heine sind nun auf CD erschienen. Die kunstvoll ausgearbeiteten Generation. Die ebenso ausdrucksstarken wie intelligenten Interpretationen leben nicht zuletzt von Wörners souveräner Beherrschung seiner nuancenreichen Stimme.
müg , Stuttgarter Zeitung, 26.8.2008
Auf Schatzsuche abseits sicherer Pfade
Das längst von allen Avantgardisten totgesagte Kunstlied lebt!", schreibt Bassbariton Dominik Wörner im Begleitheft zur CD, auf der er Kompositionen von Arthur Dangel eingespielt hat: Drei Liederzyklen mit ungewöhnliichen Texten und persönlichen Bezügen.
Der mit etlichen Preisen ausgezeichnete, in Korntal lebende Komponist Arthur Dangel hat Verse von Rose Ausländer, Heinrich Heine und Peter Turrini für Klavier und Bassbariton vertont. Der Rose-Ausländer-Zyklus (op. 99) ist in den Jahren 2004/2005 auf Wunsch des Sängers Dominik Wörner entstanden und diesem auch gewidmet. Der Heine-Zyklus "Zur Ollea" (op. 101) stammt von 2005. Schon etwas älter ist der Turrini-Zyklus: Ihn hat Arthur Dangel anno 2000 geschrieben. Aufgenommen worden sind die Lieder 2006 in der Immanuelskirche in Wupppertal. Am Klavier begleitet wird Wörner, der in Stuttgart Kirchenmusik studiert hat, von Simon Bucher (Rose-Ausländer- und Heine-Zyklus) und Felicitas Strack (Turrini-Zyklus).
Leicht zugänglich ist sie nicht, die Musik auf dieser CD. Stabile Dreiklangharmonik oder eingängige Rhythmen gibt es nicht. Hier geht es um anderes: Um emotionale Intensität, die ihre Wirkungsmacht aus dem Zusammenspiel von Sprache und Klangparametern schöpft, wobei dieses Zusammen mehr fasst als die Addition der beiden Ausdrucksmittel. Es schwingen gleichsam gefühlte Zwischen- und Obertöne mit, die nicht direkt durch Stimme oder Klavier angeschlagen werden.
Dieses Einfangen nicht ausgesprochener Inhalte ist schon ein Merkmal von Rose Ausländers Lyrik. Ihre Gedichtsammlung "Ich spiele noch", so steht es im Begleitheft zu lesen, ist 1987 erschienen, kurz vor ihrem Tod am 3. Januar 1988. Viele Bezüge zur Zeit des Nationalsozialismus, die sie im Ghetto erlebt hat, sind in ihren Zeilen, die oft hermetischen Charakter haben. Der Komponist findet dazu eindringliche musikalische Wendungen, welche Empfindungen als Klang wahrnehmbar machen und den Gehalt der schillernden Zwischenräume zwischen den Worten greifbarer machen. Fast konkret im Sinne traditioneller Klangmalerei wird Dangels Tonkunst, wenn Ausländer beschreibt, wie sie dem Monolog des Mondes lauscht, dessen gelbe Silben in ihren Kelch tropfen. Schwebende Klänge begleiten ihre Zeilen "Ich war ein Vogel, eine Feder ... ". Wem diese intuitive Wahrnehmung zu spekulativ ist, für den hat Arthur Dangel literaturhistorische Hintergründe sowie seine kompositorische Arbeitsweise im Booklet detailliert erläutert.
Anders ist die Herangehensweise bei der Vertonung der Verse von Heinrich Heine, deren Name sich auf Olla Potrida, das spanische Nationalgericht bezieht - ein Eintopf aus Fleisch, Wurst und Gemüse. Textsplitter sind es, die Heine unter diesem Titel zusammenfasst. Ohne Partitur braucht es freilich ein sehr geübtes Gehör, um die abgedruckten Notentextfragmente im gesamten Verlauf wahrzunehmen, der ebenfalls auf konventionelle Harmonik verzichtet. Beliebig sind die Klänge dabei keinesfalls. Musik wie Gesang haben indes überwiegend deklamatorischen Charakter; Sprechgesang fließt mit ein. Dies korrespondiert mit der Auffassung, Gedichte, wie die "Symbolik des Unsinns", bänkelsängerartig anzulegen. Viele andere Lieder dieses Zyklus' besitzen ebenfalls diesen Geist, der Heines bissiger Ironie entgegenkommt.
Peter Turrini ist Dramatiker und hat darüber hinaus den Gedicht-Zyklus "Im Namen der Liebe" (1993/99) sowie "Ein paar Schritte zurück" (1980) verfasst. Dangel wählt für ihre Vertonung klassische Formen wie zum Beispiel Rondo und Lied. Abermals ist die Verifizierung jedoch ohne Partitur und geschulte Ohren nicht ohne weiteres zu leisten. Ähnlich wie bei den beiden anderen Zyklen illustrieren die Töne manchmal Szenen - zum Beispiel durch Trillern beim Klingeln des Telefons. Dann wieder transportiert die Musik die emotionalen Zustände dessen, der gerade· spricht - gleichzeitig mit Worten, oder im Wechsel mit diesen.
Insgesamt bietet die CD ein Potenzial für Entdeckungen. Wie bei einer echten Schatzsuche müssen allerdings neugierige Musikliebbhaber zuerst beherzt sicheres tonales Terrain und stabile Rhythmusstrukturen verlassen.
Gabriele Müller, Strohgäu extra, 6.2.2008
Frisch·gepresst: Ernste Musik aus dem Kreis
[...] Trotz Arnold Schönberg, Alban Berg, Hanns Eisler oder Wolfgang Rihm: Das Kunstlied zählt im Allgemeinen nicht eben zu den Lieblingsgattungen entschieden moderner Komponisten. Anders Arthur Dangel. Der häufig an synästhetischen Aufgabenstellungen arbeitende Tonsetzer und frühere Deutschlehrer aus Korntal hat auf vorangegangenen CDs bereits LiederzykIen vorgelegt, die Lyrik von Gottfried Benn, Else Lasker-Schüler und Ingeborg Bachmann, ja sogar die einzigen überlieferten Verse Franz Kafkas, aufgreifen. Als "Volume XI" einer Dangel-Werkreihe sind nun seine Liederzyklen zu Gedichten von Rose Ausländer, Heinrich Heine und Peter Turrini erschienen, großartig gesungen vom mit dem Komponisten befreundeten Bassbariton Dominik Wörner, den Simon Bucher und Felicitas Strack am Flügel begleiten.
Die Dangel eigene Verbindung von Expressivität und formaler Strenge zeichnet auch in den neuen Liedern seinen motivorientierten Zugriff auf Lyrik aus - selbst der viel vertonte Heine klingt bei ihm wie ein Zeitgenosse. Dangels kompositorischer Intellekt übersetzt jene emotionale Energie in Musik, die in Gedichten zwischen den Zeilen steckt. [...]
Steffen Pross, Ludwigsburger Kreiszeitung, 20.6.2008


